«Die Haltung der Piloten hat etwas Naives»

Lukas Hässig, ehemaliger Sprecher von Unique, äussert sich zum Konflikt zwischen den Ex-Crossair-Piloten und der Swiss

Die Pilotengewerkschaft Swiss Pilots handelt unprofessionell, findet Lukas Hässig, Wirtschaftsjournalist und ehemaliger Sprecher von Unique. Auch ist er davon überzeugt, dass es immer zwei Pilotenkorps geben wird.

Anzeiger: Herr Hässig, hätten Sie gedacht, dass es zu einem Streik der Jumbolino-Piloten kommen würde?

Lukas Hässig: Nein, ich habe die Drohungen der Swiss Pilots nicht ernst genommen, weil sie immer mal wieder von Streik sprachen. Ich denke, dass es dem Swiss-Management ähnlich ergangen ist.

Wie hat die Swiss Ihrer Meinung nach reagiert?

Gut, denn sie hat kein Öl ins Feuer gegossen und beispielsweise nicht gleich alle Piloten auf die Strasse gestellt, sondern ihnen eine zweite Chance gegeben.

Die Piloten der Swiss European Airlines möchten mit den Airbus-Piloten gleichgestellt werden und verlangen gleiche Bedingungen für gleiche Arbeitsleistungen. Ist das realistisch?

Eine Gleichstellung scheint mir unmöglich. Die Gewerkschaftsmitglieder der kleinen Jets müssen sich mit dem Gedanken anfreunden, dass es zwei unterschiedliche Typen von Piloten gibt. Bei der Lufthansa ist das ja auch so. Dort gibt es die Cityline, bei der die Angestellten schlechtere Arbeitsbedingungen haben und weniger verdienen. In der Medienbranche ist das nicht anders. Ein Lokalradiojournalist verdient nicht gleich viel wie ein Zeitungsjournalist des Mutterblattes, auch wenn beide im gleichen Konzern auf gleicher Stufe beschäftigt sind. Vielleicht leistet der Radiomitarbeiter aber sogar mehr.

Die ursprüngliche Idee, das Pilotenkorps der Swissair-Piloten mit demjenigen der Crossair-Piloten zu verschmelzen, ist in Ihren Augen also absurd?

Es ist unmöglich. Denn dann müsste man die Löhne der Jumbolino-Piloten anheben und hätte wieder Kostenstrukturen, die nicht konkurrenzfähig sind. In Europa ist der Konkurrenzkampf wegen der Billigflieger sehr hoch.

Wie sieht es mit den ehemaligen Swiss-air-Piloten aus, verdienen die immer noch zu viel?

Ja. Deren Gewerkschaft Aeropers argumentiert zwar, dass ihre Mitglieder nach dem Grounding 35 Prozent Lohn- und Leistungseinbussen in Kauf nehmen mussten. Im Vergleich zu den Löhnen anderer Branchen verdienen sie aber immer noch recht viel.

Dann ist es doch nicht fair, wenn zwei, die das Gleiche tun, unterschiedliche Löhne erhalten.

Was ist schon fair? Das Leben ist nicht zwingend fair. Ein Lohn ist nichts anderes als ein Preis. Und es gibt nun mal unterschiedliche Preise. Die einen bekommen einen höheren Lohn, weil sie die grösseren Flieger fliegen und pro Flug mehr Gewinn für die Firma generieren als die anderen mit den kleineren Flugzeugen. Und dann hat jeder Pilot auch die Möglichkeit zu wechseln.

Ist das wirklich so?

Ich denke schon. Wenn nicht in der Schweiz, dann im Ausland. Hier könnte das Swiss-Management einen Schritt auf die Swiss Pilots zugehen und sich überlegen, wie die Durchlässigkeit zwischen dem Jumbolino- und dem Airbus-Korps verbessert und Karrieremöglichkeiten wahrgenommen werden können. Das würde motivieren.

Glauben Sie, dass die Swiss Pilots wieder mit der Swiss verhandeln werden?

Sie haben gar keine andere Wahl und werden froh sein, dass sie überhaupt noch verhandeln dürfen. Einen zweiten Streik würden sie als Gewerkschaft nicht überleben.

Falls es einen weiteren Streik geben sollte, könnte es zu Kündigungen kommen. Wo nähme die Swiss allfällige Ersatzpiloten her?

Piloten gibt es überall. Wichtig ist, dass nicht wieder dasselbe passiert wie damals bei der Crossair, als zuletzt Piloten im Cockpit sassen, die nicht gut genug ausgebildet waren. Es gibt einen internationalen Markt, der bei den Piloten spielt. Die Swiss wird sich auf verschiedene Szenarien vorbereiten und eine Lösung im Köcher haben.

Die Swiss hat zudem angekündigt, dass sie den entstandenen finanziellen Schaden zurückfordern will. Was halten Sie davon?

Ich fand das Statement der Swiss gut, dass die Airline zwar nach wie vor verhandlungsbereit sei, den Schaden aber zurückbezahlt haben wolle. Das ist eine klare Haltung und beweist, dass das Management das Vorgehen der Swiss Pilots nicht toleriert.

Offenbar macht eine Schadenersatzklage den Piloten aber keinen Eindruck.

Das ist unklug. Die Haltung der Gewerkschaft Swiss Pilots hat etwas Naives und zeigt, dass die Mitglieder nicht auf der Höhe ihrer Aufgabe sind. Irgendwann nimmt man sie nicht mehr ernst. Wahrscheinlich haben die Kurzstreckenpiloten gestreikt, um der Schweiz zu zeigen, dass sie ihre Drohungen wahr machen können. Der wahre Schaden ist aber der entstandene Imageverlust für die Swiss, und der trifft alle, insbesondere auch die Streikenden.

Inwiefern?

In der Schweiz will man keine Streiks im öffentlichen Verkehr. Und nach dem Grounding muss die Aviatikindustrie vorsichtig mit ihrem Ruf sein. Allzu viel kann sie sich nicht mehr leisten. Sonst heisst es im Ausland: Über Zürich fliegen wir nicht, das ist zu unsicher.

Denken Sie, dass das Ansehen von Unique unter dem Streik ebenfalls gelitten hat?

Obwohl die Abhängigkeit von der Swiss nach einer abnehmenden Phase erneut gross ist, glaube ich nicht, dass die letzte Woche für Unique gravierende Auswirkungen haben wird. Es sei denn, die Unique-Hauptkundin Swiss geriete durch weitere Streiks in eine Abwärtsspirale. Doch damit rechne ich nicht.

Interview: Nadja Ehrbar

Originalartikel unter: http://www.kloteneranzeiger.ch/aktuell/artikel2.html


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