Das Grounding wird ad acta gelegt

20minuten.ch (27. Mai 2008) Es kommt aller Voraussicht nach zu keinem zweiten grossen Swissair-Prozess. Damit dürfte der grösste Wirtschaftskrimi der Schweizer Geschichte ohne Verurteilung enden.

Christian Weber, Chef Wirtschaftsdelikte Zürich, steht kurz vor dem definitiven Abschluss seines grössten Falls. «Die Beweislage lässt gegenwärtig eine Einstellung des Verfahrens als wahrscheinlich erscheinen», sagte der Leitende Staatsanwalt heute Morgen auf Anfrage von 20 Minuten Online. Die langjährigen Untersuchungen seien «praktisch abgeschlossen», es seien lediglich noch wenige Details abzuklären. Bis zum formellen Einstellungsentscheid mit einer ausführlichen Begründung würden allerdings noch ein paar Monate vergehen. «Ich rechne mit einer definitiven Einstellung in der zweiten Jahreshälfte», sagt Weber.

Damit kommt die grösste Strafuntersuchung der Schweizer Wirtschaftsgeschichte zu einem Ende ohne Verurteilung. Seit Frühling 2001 hatten Weber und seine Truppe von Staatsanwälten gegen die Verantwortlichen der ehemaligen Swissair-Gruppe ermittelt. Im März 2006 erhob die Zürcher Staatsanwaltschaft III, zuständig für Wirtschaftsdelikte, unter Webers Führung Anklage vor dem Bezirksgericht in Bülach. Dieses sprach nach einem mehrwöchigen Mammutprozess Anfang Juni 2007 alle 19 Beschuldigten frei und gewährte ihnen teilweise hohe Entschädigungen. So wurden dem Hauptangeklagten, Ex-Swissair-CEO Mario Corti, rund eine halbe Million Franken zugesprochen.

Mit dem vollen Freispruch von Bülach liess der 62-jährige Weber die Geschichte noch nicht ruhen. Zwar gab er einige Wochen nach dem Urteilsspruch bekannt, auf einen Weiterzug des Urteils zu verzichten. Gleichzeitig trieb er aber die Ermittlungen in der sogenannten 2. Welle voran.

Dabei geht es um buchhalterische Betrugsverdachte. Weber und sein Team liessen vom spezialisierten Treuhandbüro Balmer-Etienne abklären, ob die Swissair-Verantwortlichen ihre Managerpflichten verletzt hatten, indem sie Kredite gegen Aktien der eigenen Gesellschaft aufnahmen und Umbuchungen in der Buchhaltung vornahmen, die den wahren Zustand der Firma beschönigt haben könnten.

Laut Staatsanwalt Weber kamen die Experten von Balmer-Etienne in einer zentralen Frage zu einem anderen Schluss als der frühere Gutachter der Zürcher Staatsanwaltschaft. Aldo Schellenberg heisst dieser, und er hatte in einem seiner Gutachten die Aussage gemacht, wonach die Swissair-Gruppe bereits Ende 2000, also knapp ein Jahr vor dem Grounding vom Oktober 2001, massiv überschuldet gewesen sei.

Die neuen Gutachter von Balmer-Etienne sind laut Staatsanwalt Weber bei der Festlegung des Überschuldungs-Zeitpunkts zu einem anderen Schluss gekommen, was zusammen mit anderen Erkenntnissen zur wahrscheinlichen Einstellung der Ermittlungen führte, wie Christian Weber bestätigt. «Das Gutachten von Balmer-Etienne ist ein wesentliches Beweismittel für den Abschluss der Untersuchung», sagte der Staatsanwalt heute Vormittag.

Die Causa Swissair nähert sich somit ihrem Ende. Mitte Juni wird der Rekurs gegen den Freispruch von Mario Corti vor einem Zürcher Gericht behandelt. Und die Zürcher Staatsanwaltschaft wartet weiterhin auf einen Rechtshilfeentscheid aus Belgien in Sachen Sabena, welche die Swissair-Gruppe Mitte der 90er Jahre erworben hatte. Auf die bevorstehende Einstellung der 2. Welle hat dies laut Christian Weber keinen Einfluss.


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